Wählen! Berlin September 2013, Essen und Europa 2014

Wählen gehen und 150 Jahre Spezialdemokratie

Sehr geehrtes Wahlamt im Stadtamt 12!

Ich hoffe, Du hattest ein schönes Pfingstfest und auch noch ein paar Tage der Erholung. Ich war gerührt von Deiner persönlich gehaltenen Post nach Ostern, wenn auch nur der schnöde Wunsch dahintersteckte, dass ich mir wieder einmal mit anderen freiwilligen Helfern einen ganzen Sonntag im September 2013 um die Ohren schlage, damit die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt ihre Stimme abgeben können und dieses Mal in Berlin vielleicht endlich alles anders wird. Sei’s drum. Meine eingänglichen Wünsche kommen von Herzen, liebes Wahlamt!

Spezialdemokraten unter sich

Vadder Gabriel hat Mutti Merkel ja auf der 150-Jahre-Spezialdemokraten-Feier schon irrtümlich (oder sehnsüchtig) zur Bundespräsidentin gemacht. Also hätte sie ja nach dem 22. 09. 2013 eine Aufgabe, auf die sie sich in aller Ruhe vorbereiten kann. Wir, das Volk der Wählenden, können sie also guten Gewissens ziehen lassen. Und Gerhard Schröder wurde von Sigmar Gabriel gestern kurz persönlich angesprochen und war sofort „gerührt“. Vadder Gabriel nannte ihn einen Mann aus einfachen Verhältnissen. Was Menschen alles vergessen können, ist erstaunlich, fatal und kann zu Agendenbildung führen. Da er nun aus dem Gröbsten raus ist und seit längerem erfolgreich in Gas macht, hält sich unsere Solidarität auch mit ihm, einem Genossen der Bosse, in Grenzen. Aber ich schweife ab.

Liebes Wahlamt, bevor ich nun zusage, dass ich am 22. 09. wieder dabei bin, möchte ich noch kurz erwähnen, warum ich mich im Grunde meines Herzens wieder auf diesen Septembersonntag freue: Es werden Menschen das Wahllokal betreten, die allen Ernstes fragen, ob sie für ihre Gattin mitwählen könnten, da diese z. Zt. unpässlich sei. Auf unsere energische Ablehnung hin argumentiert er dagegen, er wisse eh, was diese wähle. Es werden sich auch wieder Wähler finden, die, schon in der Wahlkabine sitzend laut ihr Ehegespons fragen, wo denn noch mal das Kreuzchen zu machen sei. Am Ende dieses langen Tages werden wir Stimmzettel entfalten, auf denen nichts angekreuzt wurde oder zu viel. Egal. Wir machen das irgendwo ja auch gern, liebes Wahlamt.

Progressive. Alliance. Wat??

Vielleicht kann ich mich sogar dazu durchringen, auch im nächsten Jahr einen Sonntag für Dich zu erübrigen, weil dann eine Doppelwahl stattfinden wird, deren Wahlkandidaten samt ihren Anliegen auf wenig Interesse stoßen könnten. Gleichwohl, am 25. 05. 2014 sind wir alle dazu aufgerufen, kommunal und europäisch zu wählen. Und wir tun das natürlich! Wir blicken dann sowohl auf unser Stadtparlament im hohen Rathaus zu Essen als auch auf die reisenden Abgeordneten in Brüssel, Straßburg oder Luxemburg. Je nach dem, wo sie gerade tagen. Deren Präsident ist ja im Moment auch ein Spezialdemokrat, aus der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Nein, liebes Wahlamt, das habe ich n i c h t erfunden. Dazu fehlt mir die Phantasie. Aber als Beweis, dass ich lesen kann:
Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament

(Dieses S&D auf deren Seite erinnert mich an ein Küchentuch, das war dick&durstig.) Und damit der geneigte Leser vollends verwirrt wird, wurde am 22. Mai auch noch eine „Progressive Alliance“ gegründet, als Alternative zur Sozialistischen Internationalen, also weltweit. Ich zitiere mit Freuden Heribert Prantl aus der Süddeutschen Zeitung:

„Wenn es um den ‚Sozialismus‘ geht, geben sich die Sozialdemokraten genierlich. Jetzt gründen sie einen Verein mit dem nichtssagend prahlerischen Namen ‚Progressive Allianz‘. Was will die SPD mit diesem verdrucksten Produkt?“

Wer ihn weiterlesen mag: SPD und Sozialistische Internationale

Ich glaube ja, dass sich diesen Namen irgendjemand ausgedacht hat, der mit dem Ausdenken schlechter Namen richtig gutes Geld verdient.

Der Begriff „Spezialdemokraten“ stammt leider auch nicht von mir. Das gebe ich gern zu. Aber er gefällt mir.

Deshalb zum guten Schluss, aber dennoch wichtig: Was ich, geehrtes Wahlamt, sehr an Dir schätze: Du bist so ganz anders, wenn Du Dich an uns wendest, persönlich, freundlich, nett. Und deshalb komme ich Dir auch gern entgegen. Und helfe, wo ich kann, wenn es ums Wählen geht.

Das Stadtamt 56 und sein Ton

Weil ich gerade dabei bin, könntest Du vielleicht Deinen Kollegen vom Stadtamt 56 ein bisschen unter die Arme greifen und ihnen beim Abfassen der Briefpost behilflich sein?! Irgendwie bekommen die Armen dort immer nur das Letzte aus dem Textbausteinkasten ab und erschrecken und ärgern uns Lesende regelmäßig mit Wörtern wie Sanktionen, Kürzung, grobe Fahrlässigkeit. Der Ton macht doch die Musik und Ihr habt’s schließlich auch begriffen, das Grundprinzip jeglicher Kommunikation: Die Botschaft einer Nachricht bestimmt der Empfänger. Und der möchte nicht regelmäßig kriminalisiert werden, wenn es ums Fördern und Fordern geht. Er ist nämlich immer noch stolz, ein Souverän zu sein. Er lässt sich den Schneid nicht so schnell abkaufen. Sondern wählt im nächsten Jahr ein neues Optionskommunalparlament.

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3 Responses to Wählen! Berlin September 2013, Essen und Europa 2014

  1. essentiell says:

    hallo h&s,
    wie du war ich im letzten jahr als bewahrer der demokratie (sprich: wahlhelfer) tätig und durfte mich ebenfalls über das schreiben vom wahlamt sowohl freuen als auch wundern. ich habe das glück, dass ich aufgrund meiner lebenssituation nicht genötigt bin, eine brieffreundschaft mit dem jobcenter zu unterhalten. dennoch kenne ich den ton, der normalerweise ‚von amts wegen‘ gegenüber allem wahlvolk in schriftlichen mitteilungen angeschlagen wird. abgesehen vielleicht von glückwunschschreiben, die den eingang einer selbstanzeige wegen steuerhinterziehung bestätigen. nur ne unterstellung, aber….. egal.
    was du schreibst und verlinkst bestätigt mich darin, trotz aller zweifel in diesem jahr zwei sachen zu machen: ich werde wieder wahlhelfen und ich werde WÄHLEN!
    nicht zu wählen bedeutet, eine chance zu vergeben. selbst wenn ich meinen wahlzettel ungültig machen sollte, weil ich bis dahin noch immer nicht weiss, wer meine stimme verdient, lasse ich mir meine stimme nicht nehmen. oder auf irgendeine, mir nicht nachvollziehbare art und weise, hochrechnen auf parteien, die ich definitiv nicht unterstütze! denn das passiert, wenn mensch nicht wählt.
    also, ihr wähler und unentschlossenen: ich als wahlhelfer bin nicht unglücklich, wenn ich einen hohen stapel mit ungültigen wahlzetteln bauen muss. für mich besteht ein grosser unterschied zwischen ‚keine meinung haben‘ und ‚keine stimme haben‘. bitte nutzt alle die möglichkeit, eure stimme klingen zu lassen. den ton bestimmt ein jeder für sich 😉

  2. "falscher Ton" says:

    Tja, schade, dass man als städtischer Bediensteter verpflichtet wird (was übrigens jeden Wahlberechtigten treffen könnte, aber die Stadt „sucht“ wohl zuerst bei den eigenen Leuten……) und sich nach einer 41-Std.Woche noch „einen ganzen Sonntag im September 2013 um die Ohren schlagen“ muss ! Und dann kriegt man sowas wie hier zu lesen (erster und letzter Abschnitt)… Unglaublich !

  3. Tanja says:

    Ich wurde auch wieder angeschrieben.
    Es stellt sich mir allerdings die Frage, ob ich das meiner nicht mehr vorhandenen Gesundheit wirklich antun soll, wenn das sogenannte Erfrischungsgeld voraussichtlich im Rahmen der Hartz4-Aufstockung doch angerechnet wird.
    Wo ich als Wahlhelfer schon mal zugange war, konnten sich wenigstens meine Kinder drüber freuen, da ich es ihnen gegeben hatte.

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