Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Dieser Satz von Ingeborg Bachmann, Titel ihrer Dankesrede für den Hörspielpreis der Kriegsblinden, den sie 1959 im Bundeshaus Bonn verliehen bekam, ist sprichwörtlich geworden und heute aktueller denn je.

Denn wäre es nicht zumutbar gewesen, beim Namen zu nennen, was die meisten Menschen in Deutschland im Jahre 2012 ohnehin wahrnehmen?

„Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen.“

So stand es ursprünglich im sogenannten Armutsbericht, der alle vier Jahre vom Bundestag in Auftrag gegebenen Analyse über die Lebenslagen in Deutschland. In der neuen Fassung steht nun, dass sinkende Reallöhne Ausdruck „struktureller Verbesserungen“ seien. Dass „das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung“ verletzt werde und dies „den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde“ ist auch nicht mehr zu lesen. Selbst Fakten wurden gestrichen.

Zum Beispiel dieser:

„Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.“

Wem war diese Wahrheit nicht zuzumuten? Die 4 Millionen zum Hungerlohn Beschäftigten kennen sie. Ihre Familien auch. Erwerbslose, die mittels Eingliederungsvereinbarung dazu genötigt werden, sich auf solche unterbezahlten Stellen zu bewerben und sie nicht bekommen oder es schaffen, sich diesem Irrsinn irgendwie zu verweigern, wissen es. Ihre Sachbearbeiter auch. Ihre Freunde, ihre Familien noch dazu. Zum Glück gibt es auch Politiker (wenn auch wenige), Ärzte, Anwälte, Lehrer, Künstler, Wirtschaftswissenschaftler, vielleicht sogar Banker, die das wissen. Es gibt auch die Menschen, die die Fakten im Auftrag der Bundesregierung erhoben, datentechnisch bearbeitet und ausgewertet haben. Es gibt die Menschen, die die Aussagen für den Bericht formuliert haben. Sie alle kennen die Wahrheit.

Wem sollte sie also durch die kleinen Verschönerungen vorenthalten werden? Der Verdacht liegt nahe, dass sich vor allem in die eigene Tasche gelogen werden sollte. Denn irgendetwas muss an diesen Tatsachen aus dem Armutsbericht eine blanke Zumutung sein.

Damals, vor mehr als 50 Jahren, als Ingeborg Bachmann schrieb, die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, ging es vor allem um das Ausmaß der persönlichen alltäglichen Verstrickungen, die den deutschen Größenwahn unter der Hitlerdiktatur ermöglichten und somit den Tod von über 60 Millionen Menschen. Das war unbequem. Es tat weh, es war eine Zumutung. Im damaligen Wirtschaftswunder-Aufschwung lag Ablenkung, Trost und Hoffnung auf ein Endlos-Wachstum, das Konsumparadies für alle! Zumindest für alle, die sich anzustrengen und anzupassen (!) bereit waren. Soweit die westdeutsche Variante.

In der DDR war es üblich und letztlich ein offenes Geheimnis, wie Zahlen angepasst wurden. Beliebt waren die 100% Planerfüllung und die beinah 100% Wahlergebnisse. Jedes Kind wusste, wie man geschönte Rechenschaftsberichte schrieb. Unbequeme Wahrheiten wurden systematisch verschwiegen, solange bis sich das „Ungerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung“ auf der Straße Bahn brach. Vorausgegangen war ein wirtschaftlicher Bankrott und ein Vertrauensbankrott des Volkes, den man nicht wahrhaben wollte.

Ist das vielleicht die Zumutung? Jetzt zu erkennen: So wie unsere Welt, unsere Gesellschaft  organisiert ist, geht es nicht weiter! Auf der einen Seite produzieren und konsumieren wir uns alle auf Kosten der Natur, der ärmsten Länder und unserer Zukunft zu Tode. Statt den erwirtschafteten Reichtum gerecht und human zu verteilen und den dadurch gewonnenen Freiraum für das Erarbeiten wirklicher Perspektiven zu nutzen, halten wir überkommene Prinzipien hoch und an einem völlig deformierten Leistungsprinzip fest und nehmen in Kauf, dass es zu sozialen Spannungen, zu Hass und Gewalt führen wird. Wir lassen zu, dass Artikel 1 unseres Grundgesetzes Die Würde des Menschen ist unantastbar täglich deutschlandweit verraten wird. Ist das die Wahrheit? Wie muten wir sie uns in Würde zu, bevor es zur Katastrophe kommt? Und welche Konsequenzen hat diese Wahrheit? Und wie halten wir unsere Ratlosigkeit aus und das Wissen, dass wir vielleicht weltweit einen Umschwung bewältigen müssen, ein Riesen-Projekt, ein Sprung ins Ungewisse? Aber so, wie es in einem Songtext von Udo Lindenberg heißt, so ist es:

„Zeitbomben sind nicht mehr zu bremsen,
wenn der Sekundenzeiger rennt,
und die Wahrheit gilt auch dann schon,
wenn noch keiner sie erkennt“

Ein so wahres Wort über die Wahrheit. 20 Jahre nach diesem Songtext ist sich Udo Lindenberg nicht zu schade gewesen für die BILD zu posieren, so wie andere auch, die ich irgendwie für kritische Geister hielt. Und jene Zeitung ist mal wieder vorn dabei, wenn es um Hetze gegen angebliche Sozialschmarotzer geht. Auch das ist eben die Wahrheit: So sind wir Menschen, verführbar, eitel, machen Fehler und haben es mit der Wahrheit manchmal nicht leicht. Wenigstens sind wir damit nicht alleine. Und der Wahrheit ist es ganz egal, sie gilt.

BK

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