Zum Fürchten hässlich

Dass Armut viele Gesichter hat, wie oft wird es gesagt? Fast schon eine Floskel. Es gibt aber eine Form von Armut, die ist zum Fürchten hässlich.

Neulich in Essen: Ein offenbar geistig verwirrter Mann sprach laut mit Personen, die nur in seiner Realität anwesend waren, dabei schimpfte er manchmal los, wirkte überdreht, aber nicht aggressiv. Die Menschen, die ihn auf dem Bahnsteig und später in der vollen U-Bahn verstohlen, belustigt oder leicht angegruselt beobachteten, schien er gar nicht wahrzunehmen. Dann stieg er aus, mit ihm viele andere, auch ich, auch ein junges Paar mit Hund, beiden war deutlich anzusehen, dass sie selbst nicht gerade zu den wohlhabenden Bürgern gehören.Zuerst empörte sich der Mann mit Hund über den Verwirrten: „Dass so etwas frei herumlaufen darf, das muss weggesperrt werden!“ Seine Partnerin setzte noch eins drauf: „Weggesperrt? Das ist ein Fall, wo man an der Bahnsteigkante mal einen Schubs geben muss, direkt vor die U-Bahn.“ – Mir blieb der Mund offenstehen. Warum habe ich nichts gesagt? Weil es nichts genützt hätte? Hätte es was genützt? Noch den ganzen Abend ging mir die Begebenheit nicht aus dem Kopf. Auch das ist ein Gesicht der Armut: Emotionale Armut, geistige Armut, die auf dem Boden materieller Armut und Ausgrenzung entsteht. Weil es in der eigenen Misere dazu dient, sich ein bisschen Selbstwert daraus zu ziehen, dass man andere als noch weiter unten wahrnimmt. Aber deshalb Morddrohungen aussprechen? Und ist es nicht vielmehr ein Phänomen, dass sich in allen sogenannten Schichten breit macht, den anderen mit seinem Schicksal nicht mehr zu achten, ihn stattdessen zu beschuldigen, er bekäme etwas auf Kosten anderer, die es mehr verdient hätten…und dazu gehört man natürlich selbst.
Ein anderes Erlebnis, es liegt schon Jahre zurück: In einem Kurs sagte eine Dozentin vor uns Teilnehmenden, also öffentlich, sie sei in der privaten Krankenversicherung, nicht in erster Linie weil es billiger sei, sondern weil sie keine Lust habe, all die Penner mitzufinanzieren, die schon morgens an der Trinkhalle anzutreffen sind. Dass eine das sagt, dass man sich für eine solche Haltung nicht schämt, dass es gang und gäbe ist, auf welchem Fundament wächst diese Armut? (Akademische) Bildung allein scheint sie nicht zu verhindern. Aufklärung, Herzensbildung – ganz und gar veraltet? Hat die Entwicklung unserer westlichen Gesellschaften die Individualisierung so weit gebracht, dass es beinah unmöglich erscheint, sich im Leiden noch als Teil eines Wirs zu erleben, dass die Armen auf die Armen einhacken und die sich vor Armut Fürchtenden natürlich erst recht und die ganz besonders Cleveren tun es nur nicht so offensichtlich. Es ist das Teile und herrsche – Prinzip in grausiger Perfektion.

Der Tag der Toleranz ist schon vorbei. Ich habe überhaupt keine Antworten. Ich weiß, dass es auch Beispiele von Miteinander und Füreinander gibt. Ich will nicht auf andere zeigen, fragen, was ich selbst tue. Egal, wie viel Geld und Teilhabe vorhanden ist, es gibt einen davon unabhängigen wunderbaren Reichtum: Einfühlungsvermögen, Toleranz, Achtung, Freundlichkeit, Helfen. Ja, es gibt ihn. Ganz sicher.

BK

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2 Antworten zu Zum Fürchten hässlich

  1. Name (erforderlich) sagt:

    aus dem herz gesprochen.vielen dank

  2. dana sagt:

    Der Beitrag passt ja prima zum 1.Advent. Sehr gut beschrieben – solche Situationen kennen wir vermutlich alle. Auch ich bin manchmal sprachlos, ob des Hasses, der sich plötzlich auf hilflose Menschen entlädt. Manchmal fasse ich mich aber und beginne eine wenig erquickliche Diskussion, die in der Regel in Zankerei ausartet. Zwar stoße ich damit nicht auf Einsicht bei den Beleidigern, aber alle anderen werden aufmerksam auf das Geschehen. Damit hat man ja schon mal etwas Ungeheuerliches ans Licht gebracht. Das ist auch schon mal was.

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