Das Ende der Märchenstunde

Märchen auf der BG45-Seite? Wie jetzt?

Nun – mir kommt es inzwischen wie ein Märchen vor, aber so unglaublich das auch klingen mag: Es ist kaum zehn Jahre her, da bekam man im sog. JobCenter noch wirklich wertvolle Tipps, wenn man sich in Not befand – und es gab soziale Einrichtungen, die sich auf die Fahne geschrieben hatten, Bedürftigen beizustehen – zum Beispiel Möbelbörsen.

Zum Thema JobCenter möchte ich jetzt erst mal nichts sagen, denn ich bin sicher, daß meine Bemerkung im vorangegangenen Absatz für schallendes Gelächter gesorgt hat.

Daher konzentriere ich mich erst einmal auf das segensreiche Wirken der Möbelbörsen in unserer Stadt.

Auch das ist keine zehn Jahre her: Da habe ich einen mehrjährigen Auslandsaufenthalt von heute auf morgen abgebrochen, da meine Eltern schwer erkrankt waren. Und kaum in der alten Heimat angekommen, ging alles drunter und drüber. Ein Ärgernis war, daß bei der Spedition einige meiner Möbel verlorengegangen waren. Ich hatte kein Bett, keinen Tisch, keine Sitzgelegenheiten – – – und Bares hatte ich auch kaum noch.

Da geschah etwas Märchenhaftes:

Geholfen(!) wurde mir als erstes beim JobCenter(!), als eine freundliche(!) Mitarbeiterin auf Anhieb(!) mein Problem erkannte(!) und mir sofort (!) zwei Adressen gab, wo ich preisgünstig gebrauchte Möbel erstehen konnte. Als ich ihr eröffnete, daß ich aber kaum noch Reserven habe (Kaution für die Wohnung und alles andere, was man so für den Neu-Anfang braucht), bot sie mir sofort ein zinsloses Darlehen von 200,- Euro an, das ich in Mini-Raten zurückzahlen konnte.

Jetzt mag der eine oder andere meinen, daß das ja eigentlich nicht gerade eine Riesensumme sei.

Doch bei einer der beiden Möbelbörsen bekam ich für das Geld einen guten Wohnzimmertisch, eine Couch, 2 Bücherregale und ein schönes Bett – inklusive Transport.

Ich hatte mit diesen Sachen offenbar nicht die schlechteste Wahl getroffen, denn – abgesehen von der Couch – habe ich diese Möbel heute noch.

Etwa zehn Jahre später: Inzwischen krankheitsbedingt dauerhaft arbeitsunfähig geworden, war irgendwie alles anders geworden. So verwandelte sich das einstmals so märchenhafte JobCenter für mich in eine Einrichtung, in der falsche Auskünfte, Ignorieren von schriftlichen Anträgen und Demütigungen an der Tagesordnung waren. Es konnte bisweilen vorkommen, daß sich gestresste Mitarbeiter bei MIR darüber ausheulten, wie dreckig es IHNEN ging.

Trotz meines Mitleides durfte ich meine eigenen Probleme nicht vergessen, und so brauchte ich mal wieder ein Möbelstück. Genauer gesagt, einen Schlafzimmerschrank, weil mein bisheriger einen Umzug nicht überlebt hatte.

Gut, daß es die Möbelbörsen gibt.

Zum Beispiel jene, deren Betreiber sich mit folgenden Worten anerkennend selbst auf die Schulter klopfen: „Solidarität und soziale Gerechtigkeit für Arbeitslose und Arme“.

Ach, wie ich Märchen liebe.

Denn als ich mir die Realität ansah, war meine Naivität wie weggewischt.

Dabei fing alles recht harmlos an. Die Auswahl war groß, und die durchgehend recht hochwertige Qualität der Möbel war ein schöner Anblick. In dieser Hinsicht hatte sich seit zehn Jahren nichts geändert, denn drei Viertel der damals dort gekauften Möbel habe ich immer noch.

Der Unterschied war aber, daß ich wohl heutzutage für dieselben Möbel ein Vielfaches hinblättern müsste.

Denn als ich bei den Schlafzimmerschränken etwas genauer hinsah, fiel meine anfängliche Euphorie in Ohnmacht: Fast nichts unter EUR 300,-, und wenn doch, dann sahen die Teile entsprechend aus. Und Schrott kann ich mir selber auf einer der wilden Müllkippen in Altendorf holen.

Immerhin – nach einer Viertelstunde Entsetzen über die seltsame Preisgestaltung war eine recht gut erhaltene Garderobe für EUR 30,- ja nahezu ein Superschnäppchen!

Eine Mitarbeiterin sah mich und bot ihre Hilfe an. „Kann man nichts gegen den Preis sagen, oder? Haben Sie Interesse?“

Hatte ich, doch dann kam der Hammer: „Die Transportkosten betragen 30 Euro.“

Mal eben.

Das ist das Praktische am Euro: Früher hätte man mal eben diese Kosten um 10 Mark erhöht (was eigentlich schon heftig gewesen wäre) – aber dank Hartz IV scheinen wir offenbar alle Millionäre geworden zu sein, und 10 Mark oder 10 Euro hört sich ja auch beinahe gleich an, oder?

Ich sah es kommen: Heute würde es eine Premiere geben. Zum ersten Mal würde ich eine soziale (?) Einrichtung unverrichteter Dinge verlassen, weil ich mir den Luxus solcher Preise nicht leisten kann. Vielleicht bin ich ja auch nur ein Querulant, der nicht bereit ist, 300 Euro für etwas zu bezahlen, für das die selbsternannten Menschenfreunde nicht einmal einen Hosenknopf in die Kollekte gelegt haben.

Ich fragte die Mitarbeiterin, was denn inzwischen passiert sei – alles so teuer, und wie sollen Bedürftige denn solche Beträge aufbringen?

Ich weiß nicht mehr, was mich mehr erschreckte: Die Antwort auf meine Frage – oder eher das Beiläufige in ihren Worten:

„Och, letztens waren wieder welche da – ich glaub, die waren aus Litauen oder so. Die haben 4000 Euro auf den Tisch gelegt, und dann haben die hier abgeräumt.“

Ich: „4000 Euro? Mann, die müssen ja bedürftig gewesen sein…“

Doch als ob sie meinen Sarkasmus gar nicht mitbekommen hatte, erzählte sie uns noch, daß solche Kunden mit eigenem LKW und großen Scheinen zur regelmäßigen Kundschaft gehören.

Meine Empörung muß sich dennoch in Grenzen halten.

Unter uns Pfarrerstöchtern: Besagte Möbelbörse gibt sich in der Öffentlichkeit schon seit geraumer Zeit nicht mehr den Anschein, eine soziale Einrichtung zu sein. Das könnte sie zwar sein, denn die dort ausgestellten Möbel sind ja ausnahmslos Spenden, die nichts gekostet haben, und die Mitarbeiter sind allesamt 1-Euro-Kräfte. Warum ist also alles so teuer geworden?

Es drängt sich beinahe das Klischee von der Lizenz zum Gelddrucken auf, denn das Prinzip Angebot und Nachfrage fördert gute Geschäfte mit jenen Herren, die aus dem Osten und anderswo mit dem Lastwagen anreist kommen. Dann wird mal kurz mit dem Geldbündel gewedelt, und schwupp! gehen erst einmal die Filetstücke auf Reisen. Es muß bei diesem Spielchen noch genug Profit zu machen sein, denn zu verschenken werden jene Herren bestimmt nichts haben. Und was übrig bleibt, das darf dann das gemeine Volk erwerben – und das wiederum zu Preisen, die offenbar durch die Herren mit den Geldbündeln angeregt wurden.

Angebot und Nachfrage! Warum billig, wenn teuer auch geht?

Hätte ich doch nur genügend Anfangskapital! Ich würde selbst so eine Möbelbörse aufbauen: Die Möbel kriege ich bei Haushaltsauflösungen und durch Spenden gratis und vertickere sie dann an den Meistbietenden.

Nur eins würde vielleicht anders machen:

Das Märchen von der Solidarität und die soziale Gerechtigkeit für Arbeitslose und Arme erzählen – nein, das würde ich dann doch nicht übers Herz bringen.

The Rumblecat

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6 Responses to Das Ende der Märchenstunde

  1. Miss100%FreelyLoner says:

    Ahoi Rumblecat,
    hier zwei +/- Beispiele bezüglich Möbelbörsen in Essen:
    (-) Bei der GAB in Essen sind besonders die Preise für die Secondhand-Möbel unverschämt hoch festgesetzt!!! Dazu Transportkosten von mindestens (!) 30,-Euro (bis zur 1.Etage — für jede weitere plus 10,-Euro!).
    Versuche dein Glück mal bei der
    (+) Perspektive e. V.,Eulerstraße 17,45143 Essen Altendorf.
    (Öffnungszeiten der Möbelbörse und Stöberstube:
    mo. bis fr. 9:00-14:30 Uhr)
    Hier findest du WIRKLICH soziale Preise für die Möbel !!!Und an Transportkosten maximal (!!!) 5,- Euro.
    Liebe Grüße
    Miss100%FreelyLoner

  2. woodsglobal says:

    Der Kapitalismus frisst die Substanz
    Bald ist nichts mehr übrig.

  3. maze says:

    Gewerbliche Gebrauchtmöbelhändler haben massenweise gegen die „sozialen Möbelhändler“ geklagt, weil diese die Preise kaputt machen und nicht nur an „echte Arme“ verkaufen.

    1EuroJobber dürfen nur Puppenmöbel reparieren und transportieren seit die „Zusätzlichkeit“ so erfolgreich eingeklagt werden kann.

    Sozial-kaufhäuser, Tafeln, Suppenküchen gehören abgeschafft!

    Der Gebrauchtwarenhandel gehört in die Hand von lustigen Unternehmer-Typen und Flohmarkthändler *pflöööt*

    Hartz IV ist des Menschen un – W Ü R D I G !!

    maze

  4. Waltraut Steuer says:

    Die einzig wirklich wahre soziale Möbelbörse in Essen – Perspektive e.V. – soll aufgelöst werden.

  5. @Der ARGESchreck says:

    Wie, wo, was?

    Ich dachte, die JobCenter gibt es erst seit 2005

    Soll ich weiter lesen, da die Geschichte nun zu einem Märchen wird?

    • The Rumblecat says:

      Miau culpa, ARGEschreck –
      weil sich bis vor kurzem wegen schwerer Krankheit und permanentem JobCenter-Streß mein Zeitgefühl offenbar etwas verzerrt hat, mußte ich auch erst einmal genauer in meine Unterlagen schauen – und fürwahr: Mein Eingangssatz bezieht sich tatsächlich auf den Oktober/November 2005. Zwar ist auch das „noch keine zehn Jahre her“ – aber stimmt schon: Den Satz hätte ich deutlich anders formulieren müssen – besten Dank also für den Hinweis.
      Den Rest allerdings habe ich nur etwa eine Woche nach den in meinem Beitrag geschilderten Erlebnissen verfaßt.
      Und leider stimmt der Rest.

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