{"id":2354,"date":"2012-12-20T17:00:19","date_gmt":"2012-12-20T17:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/bg45.de\/?p=2354"},"modified":"2013-09-17T13:40:48","modified_gmt":"2013-09-17T11:40:48","slug":"die-wahrheit-ist-dem-menschen-zumutbar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/2354\/die-wahrheit-ist-dem-menschen-zumutbar\/","title":{"rendered":"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Satz von Ingeborg Bachmann, Titel ihrer Dankesrede f\u00fcr den H\u00f6rspielpreis der Kriegsblinden, den sie 1959 im Bundeshaus Bonn verliehen bekam, ist sprichw\u00f6rtlich geworden und heute aktueller denn je.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4re es nicht <em>zumutbar<\/em> gewesen, beim Namen zu nennen, was die meisten Menschen in Deutschland im Jahre 2012 ohnehin wahrnehmen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<blockquote><p>\u201eW\u00e4hrend die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren L\u00f6hne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>So stand es urspr\u00fcnglich im sogenannten\u00a0<em>Armutsbericht<\/em>, der alle vier Jahre vom Bundestag in Auftrag gegebenen Analyse \u00fcber die Lebenslagen in Deutschland. In der neuen Fassung steht nun, dass sinkende Reall\u00f6hne\u00a0<em>Ausdruck &#8222;struktureller Verbesserungen&#8220;<\/em> seien. Dass &#8222;<em>das Gerechtigkeitsempfinden der Bev\u00f6lkerung&#8220;<\/em> verletzt werde und dies &#8222;<em>den gesellschaftlichen Zusammenhalt gef\u00e4hrde&#8220;<\/em> ist auch nicht mehr zu lesen. Selbst Fakten wurden gestrichen.<\/p>\n<p>Zum Beispiel dieser:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp \u00fcber vier Millionen Menschen f\u00fcr einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wem war diese Wahrheit nicht zuzumuten? Die 4 Millionen zum Hungerlohn Besch\u00e4ftigten kennen sie. Ihre Familien auch. Erwerbslose, die mittels <em>Eingliederungsvereinbarung <\/em>dazu gen\u00f6tigt werden, sich auf solche unterbezahlten Stellen zu bewerben und sie nicht bekommen oder es schaffen, sich diesem Irrsinn irgendwie zu verweigern, wissen es. Ihre Sachbearbeiter auch. Ihre Freunde, ihre Familien noch dazu. Zum Gl\u00fcck gibt es auch Politiker (wenn auch wenige), \u00c4rzte, Anw\u00e4lte, Lehrer, K\u00fcnstler, Wirtschaftswissenschaftler, vielleicht sogar Banker, die das wissen. Es gibt auch die Menschen, die die Fakten im Auftrag der Bundesregierung erhoben, datentechnisch bearbeitet und ausgewertet haben. Es gibt die Menschen, die die Aussagen f\u00fcr den Bericht formuliert haben. Sie alle kennen die Wahrheit.<\/p>\n<p>Wem sollte sie also durch die kleinen\u00a0<em>Versch\u00f6nerungen<\/em> vorenthalten werden? Der Verdacht liegt nahe, dass sich vor allem in die eigene Tasche gelogen werden sollte. Denn irgendetwas muss an diesen Tatsachen aus dem Armutsbericht eine blanke Zumutung sein.<\/p>\n<p>Damals, vor mehr als 50 Jahren, als Ingeborg Bachmann schrieb, die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, ging es vor allem um das Ausma\u00df der pers\u00f6nlichen allt\u00e4glichen Verstrickungen, die den deutschen Gr\u00f6\u00dfenwahn unter der Hitlerdiktatur erm\u00f6glichten und somit den Tod von \u00fcber 60 Millionen Menschen. Das war unbequem. Es tat weh, es war eine Zumutung. Im damaligen Wirtschaftswunder-Aufschwung lag Ablenkung, Trost und Hoffnung auf ein Endlos-Wachstum, das Konsumparadies f\u00fcr alle! Zumindest f\u00fcr alle, die sich anzustrengen und anzupassen (!) bereit waren. Soweit die westdeutsche Variante.<\/p>\n<p>In der DDR war es \u00fcblich und letztlich ein offenes Geheimnis, wie Zahlen\u00a0<em>angepasst<\/em> wurden. Beliebt waren die 100% Planerf\u00fcllung und die beinah 100%\u00a0<em>Wahlergebnisse<\/em>. Jedes Kind wusste, wie man\u00a0<em>gesch\u00f6nte<\/em> Rechenschaftsberichte schrieb. Unbequeme Wahrheiten wurden systematisch verschwiegen, solange bis sich das \u201e<em>Ungerechtigkeitsempfinden der Bev\u00f6lkerung<\/em>\u201c auf der Stra\u00dfe Bahn brach. Vorausgegangen war ein wirtschaftlicher Bankrott und ein Vertrauensbankrott des Volkes, den man nicht wahrhaben wollte.<\/p>\n<p>Ist das vielleicht die Zumutung? Jetzt zu erkennen: So wie unsere Welt, unsere Gesellschaft\u00a0 organisiert ist, geht es nicht weiter! Auf der einen Seite produzieren und konsumieren wir uns alle auf Kosten der Natur, der \u00e4rmsten L\u00e4nder und unserer Zukunft zu Tode. Statt den erwirtschafteten Reichtum gerecht und human zu verteilen und den dadurch gewonnenen Freiraum f\u00fcr das Erarbeiten wirklicher Perspektiven zu nutzen, halten wir \u00fcberkommene Prinzipien hoch und an einem v\u00f6llig deformierten Leistungsprinzip fest und nehmen in Kauf, dass es zu sozialen Spannungen, zu Hass und Gewalt f\u00fchren wird. Wir lassen zu, dass Artikel 1 unseres Grundgesetzes <em>Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar <\/em>t\u00e4glich deutschlandweit verraten wird. Ist das die Wahrheit? Wie muten wir sie uns in W\u00fcrde zu, bevor es zur Katastrophe kommt? Und welche Konsequenzen hat diese Wahrheit? Und wie halten wir unsere Ratlosigkeit aus und das Wissen, dass wir vielleicht weltweit einen Umschwung bew\u00e4ltigen m\u00fcssen, ein Riesen-Projekt, ein Sprung ins Ungewisse? Aber so, wie es in einem Songtext von Udo Lindenberg hei\u00dft, so ist es:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eZeitbomben sind nicht mehr zu bremsen,<br \/>\nwenn der Sekundenzeiger rennt,<br \/>\nund die Wahrheit gilt auch dann schon,<br \/>\nwenn noch keiner sie erkennt\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein so wahres Wort \u00fcber die Wahrheit. 20 Jahre nach diesem Songtext ist sich Udo Lindenberg nicht zu schade gewesen f\u00fcr die BILD zu posieren, so wie andere auch, die ich irgendwie f\u00fcr kritische Geister hielt. Und jene Zeitung ist mal wieder vorn dabei, wenn es um Hetze gegen angebliche <em>Sozialschmarotzer<\/em> geht. Auch das ist eben die Wahrheit: So sind wir Menschen, verf\u00fchrbar, eitel, machen Fehler und haben es mit der Wahrheit manchmal nicht leicht. Wenigstens sind wir damit nicht alleine. Und der Wahrheit ist es ganz egal, sie gilt.<\/p>\n<p>BK<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Satz von Ingeborg Bachmann, Titel ihrer Dankesrede f\u00fcr den H\u00f6rspielpreis der Kriegsblinden, den sie 1959 im Bundeshaus Bonn verliehen bekam, ist sprichw\u00f6rtlich geworden und heute aktueller denn je. Denn w\u00e4re es nicht zumutbar gewesen, beim Namen zu nennen, was die meisten Menschen in Deutschland im Jahre 2012 ohnehin wahrnehmen?<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[161],"class_list":["post-2354","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ansichten","tag-armut"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2354","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2354"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2354\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4290,"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2354\/revisions\/4290"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}