{"id":2224,"date":"2012-11-27T10:00:13","date_gmt":"2012-11-27T10:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/bg45.de\/?p=2224"},"modified":"2013-09-17T13:33:30","modified_gmt":"2013-09-17T11:33:30","slug":"zum-furchten-hasslich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bg45.de\/index.php\/2224\/zum-furchten-hasslich\/","title":{"rendered":"Zum F\u00fcrchten h\u00e4sslich"},"content":{"rendered":"<p>Dass Armut viele Gesichter hat, wie oft wird es gesagt? Fast schon eine Floskel. Es gibt aber eine Form von Armut, die ist zum F\u00fcrchten h\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Neulich in Essen: Ein offenbar geistig verwirrter Mann sprach laut mit Personen, die nur in seiner Realit\u00e4t anwesend waren, dabei schimpfte er manchmal los, wirkte \u00fcberdreht, aber nicht aggressiv. Die Menschen, die ihn auf dem Bahnsteig und sp\u00e4ter in der vollen U-Bahn verstohlen, belustigt oder leicht angegruselt beobachteten, schien er gar nicht wahrzunehmen. Dann stieg er aus, mit ihm viele andere, auch ich, auch ein junges Paar mit Hund, beiden war deutlich anzusehen, dass sie selbst nicht gerade zu den wohlhabenden B\u00fcrgern geh\u00f6ren.<!--more-->Zuerst emp\u00f6rte sich der Mann mit Hund \u00fcber den Verwirrten: \u201eDass so etwas frei herumlaufen darf, das muss weggesperrt werden!\u201c Seine Partnerin setzte noch eins drauf: \u201eWeggesperrt? Das ist ein Fall, wo man an der Bahnsteigkante mal einen Schubs geben muss, direkt vor die U-Bahn.\u201c \u2013 Mir blieb der Mund offenstehen. Warum habe ich nichts gesagt? Weil es nichts gen\u00fctzt h\u00e4tte? H\u00e4tte es was gen\u00fctzt? Noch den ganzen Abend ging mir die Begebenheit nicht aus dem Kopf. Auch das ist ein Gesicht der Armut: Emotionale Armut, geistige Armut, die auf dem Boden materieller Armut und Ausgrenzung entsteht. Weil es in der eigenen Misere dazu dient, sich ein bisschen Selbstwert daraus zu ziehen, dass man andere als noch weiter unten wahrnimmt. Aber deshalb Morddrohungen aussprechen? Und ist es nicht vielmehr ein Ph\u00e4nomen, dass sich in allen sogenannten <em>Schichten<\/em> breit macht, den anderen mit seinem Schicksal nicht mehr zu achten, ihn stattdessen zu beschuldigen, er bek\u00e4me etwas auf Kosten anderer, die es mehr verdient h\u00e4tten&#8230;und dazu geh\u00f6rt man nat\u00fcrlich selbst.<br \/>\nEin anderes Erlebnis, es liegt schon Jahre zur\u00fcck: In einem Kurs sagte eine Dozentin vor uns Teilnehmenden, also \u00f6ffentlich, sie sei in der privaten Krankenversicherung, nicht in erster Linie weil es billiger sei, sondern weil sie keine Lust habe, all die Penner mitzufinanzieren, die schon morgens an der Trinkhalle anzutreffen sind. Dass eine das sagt, dass man sich f\u00fcr eine solche Haltung nicht sch\u00e4mt, dass es gang und g\u00e4be ist, auf welchem Fundament w\u00e4chst diese Armut? (Akademische) Bildung allein scheint sie nicht zu verhindern. Aufkl\u00e4rung, Herzensbildung \u2013 ganz und gar veraltet? Hat die Entwicklung unserer westlichen Gesellschaften die Individualisierung so weit gebracht, dass es beinah unm\u00f6glich erscheint, sich im Leiden noch als Teil eines Wirs zu erleben, dass die Armen auf die Armen einhacken und die sich vor Armut F\u00fcrchtenden nat\u00fcrlich erst recht und die ganz besonders Cleveren tun es nur nicht so offensichtlich. Es ist das <em>Teile und herrsche <\/em>&#8211; Prinzip in grausiger Perfektion.<\/p>\n<p>Der Tag der Toleranz ist schon vorbei. Ich habe \u00fcberhaupt keine Antworten. Ich wei\u00df, dass es auch Beispiele von Miteinander und F\u00fcreinander gibt. Ich will nicht auf andere zeigen, fragen, was ich selbst tue. Egal, wie viel Geld und Teilhabe vorhanden ist, es gibt einen davon unabh\u00e4ngigen wunderbaren Reichtum: Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, Toleranz, Achtung, Freundlichkeit, Helfen. Ja, es gibt ihn. Ganz sicher.<\/p>\n<p>BK<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Armut viele Gesichter hat, wie oft wird es gesagt? Fast schon eine Floskel. Es gibt aber eine Form von Armut, die ist zum F\u00fcrchten h\u00e4sslich. 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